„Kann denn Liebe Sünde sein?“ – Deutscher Evangelischer Kirchentag in Stuttgart 2015:
Videoausschnitt „Gedenken zu Beginn: Ausgegrenzt und totgeschwiegen – Verfolgung von gleichgeschlechtlich Liebenden“. Die vollständige Videoaufzeichnung ist aufrufbar unter Erinnerungsarbeit & Menschenrechte beim Jahr 2015.

 

Nicht auf Sex reduzieren lassen
Menschen im deutschen Südwesten wurden wegen ihrer Liebe und Sexualität im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit ausgegrenzt und verfolgt. Neben Personen, die Liebes- und Sexualbeziehungen zu jüdischen Mitbürgern oder Nichtdeutschen eingegangen waren, betraf dies gleichgeschlechtlich Liebende, um die es auf unserer Website geht.
Mit dem Titel „Der Liebe wegen“ wollen wir uns dabei gegen noch immer weit verbreitete Vorurteile wenden, die mann-männliche Beziehungen auf Sex reduzieren sowie Beziehungen von frauenliebenden Frauen nicht ernstnehmen und ihnen autonome (sexuelle) Bedürfnisse nicht zugestehen.

Ein gefährlicher Nährboden …
Es sind nicht wenige Repräsentanten der Katholischen Kirche, evangelikaler Gruppen und islamischer Verbände, die noch heute eine vollständige Gleichberechtigung von Frauen ablehnen sowie gelebte Homosexualität immer noch als „widernatürlich“ und „abnormal“ diskreditieren. Damit stärken sie einen gefährlichen Nährboden für radikalere Formen der Abwertung, Ausgrenzung und Diskriminierung bis hin zu Hass und Gewalt. In vielen Ländern Europas und auch in den USA bauen rechtspopulistische Kräfte darauf auf, gefährden so demokratische Grund- und Menschenrechte und versuchen Homo- und Transphobie sowie rückwärtsgewandte Geschlechterrollen und Familienbilder wieder salonfähig zu machen.

… wirkt unterschwellig und subtil weiter
Speziell in Baden-Württemberg kommt hinzu, dass die Geschichte der Abwertung, Ausgrenzung, Verfolgung und Pathologisierung von Menschen, die sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten angehören, noch nicht angemessen aufgearbeitet wurde und daher unterschwellig und subtil weiterwirkt.
Mit unserer Website wollen wir dazu beitragen, dass dieses Defizit überwunden wird. Insbesondere durch unsere Gedenkkarte „Namen und Gesichter“ wollen wir die Verfolgung während der nationalsozialistischen Diktatur in der Region des heutigen Baden-Württemberg anhand von Einzelschicksalen sichtbar machen. Erstmals veröffentlichen wir zahlreiche Scans von Originaldokumenten, die zum Beispiel die Einweisung in ein Konzentrationslager durch regionale Polizeidienststellen zeigen oder Häftlings-Personal-Karteien und Todesmeldungen aus den Konzentrationslagern abbilden.
Für die Nachkriegszeit belegen wir sehr konkret, dass im Bundesvergleich die Verfolgung in Baden-Württemberg besonders intensiv war und in unserer Region auch Kastrationen an § 175-Strafgefangenen und monatelange Isolationshaft bis in die 60er Jahre praktiziert wurden, was nach einer besonderen Entschädigung für dieses staatliche Unrecht schreit.

Zu den „Schubladen“ lesbisch, schwul, heterosexuell . . .
Auf der Homepage verwenden wir die Begriffe „lesbisch“ und „schwul“, wohlwissend, dass es sich hierbei um „Schubladen“ handelt. Im wirklichen Leben gibt es „die Lesbe“ sowie „den Schwulen“ ebenso wenig wie „die Heterosexuelle“ bzw. „den Heterosexuellen“. Vielmehr hat jeder Mensch seine eigene Form von Liebe und Sexualität, so individuell wie sein Fingerabdruck. Es gibt unendlich viele Varianten, die begrifflich gar nicht alle erfasst werden können, wie dies auch der Exkurs Geschlecht deutlich macht. Über die konkrete sexuelle Orientierung und über das konkrete Geschlecht der von uns vorgestellten Menschen kann letztlich nur spekuliert werden. Quellen der Verfolger aus der NS-Zeit können irreführend sein, da der Vorwurf der Homosexualität auch als Vorwand benützt wurde, um mißliebige Personen zu diskreditieren.

In Würde und Respekt sein Leben führen
Mit der Website wollen wir das Anliegen unterstützen, dass rückwärtsgewandte, ausgrenzende Sexualitäts-, Geschlechts- und Familienbilder nicht wieder für demokratie- und emanzipationsfeindliche Zwecke instrumentalisiert werden können. Wir wollen dazu beitragen, die Akzeptanz menschlicher Liebes- und Lebensvielfalt zu stärken als auch aktuellen Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung couragiert entgegenzuarbeiten, damit „die jüngere Generation von homosexuellen Frauen und Männern, Mädchen und Jungen […] ihr Leben […] in Würde und Respekt zusammen mit ihren Partnern, Freunden und Familien führen“ können. Denn: „Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft.” (siehe Auszüge aus einem 1995 von acht homosexuellen KZ-Überlebenden verfassten Memorandum).

Werner Biggel und Ralf Bogen
Januar 2017

100% MENSCH – der BenefizSong für Gleichstellung und Menschenrechte


 

Nach oben