* 26.5.1892 Schopfheim / Häg

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Edwin Rümmele wurde am 26. Mai 1892 in Häg bei Schopfheim geboren. Er besuchte die Volks- und Fortbildungsschule. Er war römisch-katholisch und arbeitete in verschiedenen Dienststellen als Melker in Klosterbetrieben. Von Oktober 1912 an diente er aktiv beim 5. Infanterieregiment 114 in Konstanz. Mit diesem Regiment zog er 1914 ins Feld. Im Heeresdienst führte er sich ganz besonders gut. Überall wurde er mit gut, sehr gut und vorzüglich beurteilt. 1914 wurde er zum Gefreiten, dann zum Unteroffizier und 1915 wegen hoher Tapferkeit vor dem Feinde sogar zum Vizefeldwebel befördert. Am 1. Dezember 1914 wurde er durch einen Streifschuss am Kopf, am 27. Juli 1917 durch Granatsplitter am linken Oberschenkel verwundet. Er wurde 1915 mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, 1916 mit der Badischen Silbernen Verdienstmedaille. Rümmele schrieb 1938 einen langen Brief an seinen Anwalt und schilderte die Hölle des Ersten Weltkriegs, die er in Frankreich erlebt hatte. Trotzdem trat er 1919 in das Badische Freiwilligen-Bataillon 2 ein.

Im Juni 1919 trat er, anscheinend nach einer unglücklichen Liebe, in Feldkirch als Laienbruder in den Jesuitenorden ein und legte 2 Jahre später das Gelübde ab. Er war von 1924 – 1933 in Pullach bei München Leiter der Klostergärtnerei und kam im September 1933 mit dem Jesuitenorden nach St. Blasien als Obergärtner. Nachdem seine geschlechtlichen „Verirrungen“ aus den Jahren 1934/35 bekannt geworden waren, wurde er mit Verfügung des Provinzials aus dem Orden entlassen. Wegen dieser „Sittlichkeitsverbrechen“ wurde er von der Großen Strafkammer Waldshut am 12. November 1935 zu 1 Jahr 10 Monaten Gefängnis und 2 Jahren Ehrverlust verurteilt. Seine Strafe verbüßte er im Gefängnis Freiburg. Dort wurde er am 19. Januar 1937 auf Bewährung entlassen.

Rümmele arbeitete ab 1937 bei dem Gärtnermeister Wacker in Freiburg als Gärtnergehilfe und bewohnte ein Zimmer in der Steinstraße 9 (heute Berliner Allee 9), in das einige Monate später auch der Gärtnerlehrling German S. einzog. Ab Juni 1937 bis März 1938 kam es wiederholt zu sexuellen Kontakten zwischen den beiden Männern. Rümmele gab in dieser Zeit German S. Geschenke – eine neue Armbanduhr, eine Herrentaschenuhr, einen neuen Pullover, ein Paar Strümpfe, Briefpapier und jede Woche eine Mark, einmal sogar 5 Reichsmark.

Am 1. April 1938 verließ Rümmele Freiburg und arbeitete in Konstanz im Konradihaus. Von dort aus schrieb er 5 bis 6 Briefe an German S. Zwei dieser Briefe sind noch erhalten. Der Inhalt ist nicht eindeutig, wenn man aber zwischen den Zeilen liest, kann man schon Verdacht schöpfen. Gärtnermeister Wacker fand einen dieser Briefe bei German S. und stellte ihn zur Rede. Am 11. Juni 1938 kam Rümmele in Untersuchungshaft ins Gerichtsgefängnis Konstanz und kurz darauf ins Gerichtsgefängnis Freiburg. Es kam zum Prozess vor dem Landgericht Freiburg. Rümmele wurde am 4. August 1938 zu 2 Jahren 6 Monaten Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt. Ein Zitat aus dem Urteil: Das Gericht billigte dem Angeklagten trotzdem noch einmal mildernde Umstände zu, da er in weitem Umfang geständig war, da die Gelegenheit sich wohl in besonders versucherischer Weise sich darbot und da es für den Angeklagten als sehr tapferen Soldaten besonders schwer wäre, durch eine Zuchthausstrafe völlig aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen zu werden.  Deswegen „nur“ Gefängnis!

Vom Gefängnis Freiburg aus wurde Rümmele am 30. November 1938 mit dem Sammelschub in das Strafgefängnis Mannheim geschickt. Von dort ging es am 11. Januar 1939 in das Strafgefangenenlager Rodgau (Lager II Rollwald Nieder-Roden) Kreis Dieburg in Hessen. Er blieb etwa 16 Monate dort und wurde am 05. Mai 1941 um 18 Uhr entlassen, da seine Strafe verbüßt war.

Die NS-Personenbeschreibung von Edwin Rümmele aus dem Lager Rollwald existiert noch: 1,70m groß, Vollbart, Haar und Augen dunkel, Gestalt, Gesicht und Kinn breit, Nase gerade, Mund und Ohren gewöhnlich, Zähne lückenhaft, Stirn frei.

Im Jahre 1947 wurde Rümmele in Konstanz wegen „widernatürlicher Unzucht“ angezeigt. Was daraus wurde ist unbekannt.

1952 zog er nach Waldkirch und arbeitete als Gärtnermeister im Krankenhaus St. Nikolai. Eine Ärztin, die dort arbeitete und ihn gut kannte, berichtet folgendes: Er züchtete Blumen als Schmuck für die Kirche und das Krankenhaus. Er bildete Lehrlinge aus, hatte ein Gewächshaus mit einer Friedensecke mit vielen Blumen und Kanarienvögeln. Rümmele war fromm, hatte eine große Nähe zur Kirche und ein feines Wesen; er war voller Frieden und Weisheit, strebte aber nach Freiheit und hatte Angst sich zu binden. Er zeigte eine innere Ruhe und hatte einen Schutzengel. Rümmele zog 1960 nach Müllheim, wo er einige Jahre Mesner war. Er starb dort 94jährig am 8. September 1986.

Zum Gedenken an Edwin Rümmele liegt in der Berliner Allee in Freiburg ein Stolperstein.

(StAF Bestand A 40/1, Nr. 14, Prozessakte; Standesamt Häg-Ehrsberg; Stadtarchiv Waldkirch; Rathaus Müllheim, Melderegister.)

© Text und Recherche: William Schaefer

Zur Stolpersteinverlegung siehe http://www.rosahilfefreiburg.de/2010/07/tv-suedbaden-neue-stolpersteine-in-freiburg/ und http://www.rosahilfefreiburg.de/2010/07/bz-spaetes-gedenken-an-verfolgte-homosexuelle/


pin3d428b  Der Pin auf der Gedenkkarte zeigt Freiburg, Steinstraße (heute Berliner Allee 9)


Täterorte in Baden-Württemberg:
Strafkammer Waldshut
Gefängnis Freiburg
Gerichtsgefängnis Konstanz
Strafgefängnis Mannheim

Weiterer Täterort:
Strafgefangenenlager Rodgau